Bildung ist hoch angesehen

Ihre Heimat liegt am Bodensee
Friedrichshafen – „Streit? Nein, den wollen wir nicht.
 
Die alevitische Gemeinde Friedrichshafen pflegt die Tradition. Dazu gehört auch das Spiel mit dem Saz – einem Saiteninstrument, das die Männer und Frauen beim Tanzen musikalisch begleitet.

Südkurier Bodenseeregion 30.05.2011

Spirituelle Heimat

Ortstermin in der Adelheidstraße. Im Gewerbegebiet im Osten der Stadt haben die Aleviten in Friedrichshafen in einer früheren Lagerhalle eine spirituelle Heimat gefunden. Vorbei sind die Jahre, in denen man nach Ravensburg oder anderswohin fahren musste, um seinen Glauben in der Gemeinschaft leben zu können. Das eigene Gebetshaus „Cemevi“ war ein großes Anliegen. Hier ist Platz für ganz unterschiedliche Aktivitäten.

Es ist Mittwochabend. Die Teilnehmer des wöchentlich angebotenen Kurses zum Erlernen des Spiels mit dem anatolischen Saiteninstrument „Saz“ haben sich getroffen. Im Nebenraum sitzen Männer und Frauen gemeinsam am Tisch, auch Jugendliche und Kinder kommen und gehen. Man erkennt auch eine kleine Küche. Das oben angesprochene Kopftuch sieht man in den nett hergerichteten Gemeinderäumen freilich nicht.
„Die älteren Frauen tragen es schon noch“, verrät Frauenratsvorsitzende Bahar Agcicek. „Aber das hat eher traditionelle Hintergründe.“ Die Gleichberechtigung von Mann und Frau ist ein zentrales Anliegen der Aleviten. „Dazu gehört auch, dass unsere Männer im Haushalt mithelfen.“

90 Familien als offizielle Mitglieder, ein erweiterter Kreis von 250 Familien mit etwa 1000 Männern, Frauen und Kindern meist türkischer oder kurdischer Herkunft gehören zur Alevitischen Gemeinde der Bodenseestadt. Dass Frauen und Männer dort gemeinsam beten, sei eine Selbstverständlichkeit, wie berichtet wird. Chor und Folklore- und Frauengruppe gehören ebenso zum rührigen Gemeindeleben, wie das gemeinsame Kochen, Grillen und Tanzen.

Bildung ist hoch angesehen

Auf Hausaufgabenbetreuung und Nachhilfe, Deutsch- und Computerkurse wird großer Wert gelegt. „Unsere Kinder sollen befähigt werden, nicht nur die Hauptschule, sondern auch höhere Schulabschlüsse erfolgreich zu bewältigen“, so die zukunftsorientierte Devise. Der Tradition und den eigenen Wurzeln fühlt man sich dennoch verpflichtet. “Viele Jugendliche wissen wenig über den alevitischen Glauben“, sagt Pressesprecherin Damla Avsar. „Für uns geht es darum, zu unserer eigenen Identität zu finden und ein Zusammengehörigkeitsgefühl zu entwickeln.“

„In Deutschland sind wir anerkannt. Ab dem kommenden Studienjahr werden an der PH Weingarten sogar Alevitische Religionslehrer ausgebildet“, ist der Gemeindevorsitzende für die Akzeptanz dankbar. „Wir suchen auch den Kontakt zu christlichen Gemeinden.“ Gerne bringt man sich im Christlich-Muslimischen Gesprächskreis oder im städtischen Integrationsausschuss ein und zeigt Präsenz beim Weltfrauentag, dem Seehasenfest oder beim Internationalen Stadtfest. „Wir müssen uns integrieren, wenn wir hier bleiben wollen. Dazu gehört natürlich in erste Linie entsprechende Sprachkompetenz“, betont der Vorsitzende der Alevitischen Gemeinde Friedrichshafen, Kazim Gündogan. „Wir wollen zeigen, dass Deutschland unsere erste Heimat ist.“

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